Wenn der Filmtrailer in die Buchhandlung lockt…

der-wolkenatlas„Wir müssen nur den Mund halten und ruhig zuhören – und siehe da, schon ordnet uns die Welt unsere Gedanken…“

Manche Filme locken mit wirklich fantastischen Trailern. Allerdings locken sie mich weniger ins Kino als in die Lieblingsbuchhandlung oder – wie hier geschehen – in die kleine aber feine Bücherei um die Ecke. Denn was auf der Leinwand spektakulär sein soll, ist zwischen den Buchdeckeln bekanntlich noch wesentlich spektakulärer; meistens jedenfalls.  Und so habe ich mich auf die Reise ins Unbekannte gemacht,  mich auf David Mitchell’s kunstvoll gewobenen Sprachteppich gesetzt und bin losgeflogen. Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis hin in die ferne Zukunft.  668 Seiten lang und stellenweise ganz schön turbulent war meine Reise mit dem Wolkenatlas. Statt einer eingehender Besprechung zu diesem Erlebnis, verweise ich an dieser Stelle an die grossartige Gemeinschaftsrezension auf Bri’s Literatouren.  Aber Vorsicht; die Begeisterung ist ansteckend. Am besten die Besprechung nicht Sonntags lesen, denn dann ist Ruhetag bei den Buchhandlungen und die Zeit bis zum Montag dürfte sich zähflüssig gestalten.

Ich für meinen Teil werde mir demnächst die Verfilmung zu Gemüte führen. Denn das muss dann doch noch sein. Der Trailer ist einfach zu gut…

Fazit: Mehr als ein Buch. Im Wolkenatlas steckt ein ganzes Universum!

Bücherelfe

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ein historischer Pageturner

9783746623757Zuerst den Film, dann das Buch und dann nochmals den Film. Dieses an sich unsinnig klingende Prinzip habe ich bei Cormac McCarthy’s „die Strasse“ verfolgt. Ja, manche Filme lassen mich Bücher lesen, denen ich ansonsten keine Chance geben würde. Bei „Die Schwester der Königin“ habe ich das Prinzip leicht abgewandelt; Film, Film, Film, Film, nochmals Film – notabene schon ein wenig zeitlich verteilt – und dann das Buch. Nach dieser Lektüre kann ich mir die Rückkehr zum Film allerdings sparen. Denn meines Erachtens wurde da den potentiell klingelnden Kinokassen zuliebe gekürzt, geändert, geopfert.
Aber erst mal zum Inhalt. „Die Schwester der Königin“ ist ein historischer Roman, der seinen Rahmenhandlung direkt aus den Geschichtsbüchern gepflückt hat.  Wie viel historische Korrektheit in dem Roman steckt, kann und will ich nicht beurteilen. Es geht um Intrigen, Liebe und Verrat am englischen Königshof und beginnt im Jahr 1521. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Mary Boleyn, die auf Befehl ihrer Familie Mätresse von König Henry VIII wird. Mary ist zu dieser Zeit 14 Jahre alt und verheiratet. Den Entscheid ihrer Familie in Frage zu stellen, wagt Mary nicht. Einen eigenen Willen zu haben, scheint dieser Zeit für Frauen undenkbar. Der König braucht einen Thronfolger und einen solchen zu „beschaffen“ würde der Familie Ansehen und Macht verschaffen. Wie Schachfiguren werden Mary und ihre Schwester Anne herumgeschoben. Die egoistische und machtgierige Anne Boleyn ist das pure Gegenteil von Mary. Sie verdrängt auf Befehl ihrer Familie nicht nur Mary sondern auch Königin Katharina von Aragon, die langjährige Ehefrau des Königs. Und Anne erreicht ihr Ziel tatsächlich: Sie wird Königin von England. Aber der König ist ein launischer und tyrannischer Herrscher und Ehemann. Und wenn er Verrat wittert, reagiert er unbarmherzig.  Königin Anne zahlt einen hohen Preis für ihren Aufstieg.
Fazit:  Ein ungeheuer fesselnder historischer Roman. Ein echter Page-Turner. Auch wer um historische Romane sonst einen Bogen macht, kriegt hier echtes Kopfkino geboten
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Mords was los oder der Tanz mit den Lianen

Als erstes ein ganz grosses Kompliment an den Verlag Walde+Graf. Er ragt mit seinen wunderbar gestalteten Büchern immer wieder aus der Masse hervor. So auch mit den drei Tarzan-Romanen „Tarzan bei den Affen“, „Tarzan und die Schiffbrüchigen“ und „Tarzan und der Verrückte“ im Kartonschuber. Ich habe sie alle in einem Rutsch durchgelesen. Denn einmal Tarzan ist tatsächlich nicht genug. 

„Tarzan bei den Affen“

Wie alles begann: Lord Greystoke macht sich mit seiner Frau auf nach Westafrika. Es kommt, wie es kommen muss. Nach einer Meuterei auf dem Schiff  stranden die beiden fern aller Zivilisation am Rande eines Dschungels. Mit Mühe und Not baut Lord Greystoke für sich und seine Familie – Klein-Tarzan ist unterwegs – eine Hütte. Nach dem Tod seiner Eltern wird Baby-Tarzan von der Affenfrau Kala aufgezogen. Aus dem Kleinen wird der König des Dschungels. Eines Tages trifft er zufällig auf die in der Gegend rumstolpernde Jane, Tochter eines Wissenschaftlers. Amor schiesst erfolgreich seine Pfeile ab und Tarzan muss sich entscheiden. Dschungel oder Zivilisation. 

Tarzan und die Schiffbrüchigen

Tarzan wird nebst einigen anderen Menschen sowie ein paar wilden Tieren von zwei Deutschen Tierhändlern eingefangen. Durch einen Unfall hat er vorübergehend seine übermenschlichen Kräfte verloren. Aber natürlich nicht für lange. Nach einigen Tagen ist er wieder auf dem Damm und kann die Sache in die Hand nehmen. Am Ende landen sie alle auf einer vermeintlich unbewohnten Insel. Aber oho, dort lebt schon sein Jahrhunderten das Volk der Mayas. Und die bauen nicht etwa nur prächtige Tempel und Pyramiden; nein, sie haben auch die unfreundliche Angewohnheit, ihren Göttern Menschenopfer darzubieten.

Tarzan und der Verrückte

Das gibt‘s doch wohl nicht. Tarzan hat einen Doppelgänger. Einen ganz fiesen sogar. Er soll Frauen und auch Kinder von befreundeten Stämmen verschleppt haben. Und da ist auch die Millionärstochter namens Sandra Pickerall, die sich der falsche Tarzan einfach geschnappt hat. Tarzan‘s Ruf ist ernsthaft in Gefahr. Also macht er sich vom Acker um herauszufinden, was um Himmels Willen da vor sich geht. Auch in diesem Band gibt es ein Volk mit dem Menschopfer-Angewohnheit. Damit es auch bestimmt nicht langweilig wird, machen auch noch zwei Ganoven Jagd auf den echten Tarzan. Denn schliesslich wurde auf ihn ein erkleckliches Sümmchen Kopfgeld ausgestellt. 

Die Geschichten rund um den König des Dschungels sind herrlich trashig und die Illustrationen in dieser Ausgabe passen einfach wie die Faust aufs Auge. Wie unser Held sich hier von Liane zu Liane schwingt und aus jeder noch so miesen Lebenslage eine gute Idee entwickelt, ist äusserst unterhaltsam. Edgar Rice Burroughs zeigt eine überbordende Fantasie. Ganz besonders erwähnenswert ist das Nachwort von Georg Sesslen  im Band „Tarzan und der Verrückte“. Seine Ausführungen sind das Sahnehäubchen dieser Walde+Graf-Ausgabe.

Fazit: Trashig, kultig, lesenswert! Ganz abgesehen davon ist der Schuber ein Hingucker im Bücherregal. 

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her mit dem Sheriffstern!

Auf dieses Buch bin ich durch die TV-Show „der Hundeflüsterer“ gestossen. Es ist faszinierend, mit welchen Methoden Cesar Millan innert kürzester Zeit aus den wildesten Hunden gehorsame Lämmchen macht und welche Tipps er Hundebesitzern gibt, die bislang von ihren Hunden spazieren geführt werden.

Nach der Lektüre dieses unterhaltsamen Werks könnte ich einen kampflustigen irischen Wolfshund bändigen. Auch eine deutsche Dogge, die bisher Chihuahuas zum Frühstück frass, könnte ich ernährungstechnisch umpolen. Einem englischen Mastiff den Sheriffstern abnehmen, wäre auch keine grosse Sache.  Theoretisch natürlich. Praktisch müsste ich wohl den Hundeflüsterer einfliegen lassen…

Fazit: Unterhaltsamer Mix aus Biografie und Ratgeber.

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Begeisterung pur!

„Von dem, was uns fehlt, genesen wir nie, wir arrangieren uns, erzählen uns andere Wahrheiten. Wir leben mit uns selbst und mit der Sehnsucht nach Leben, wie alte Leute.“

Gemma blickt zurück. Ein Anruf aus Sarajevo löst eine Reise in die Vergangenheit aus. Zusammen mit ihrem pubertierenden und nervtötenden Sohn, Pietro, begibt sie sich auf die Spuren ihrer Jugendliebe.

Sie lernt Diego während der olympischen -Winterspiele 1984 kennen. Gemma ist verlobt aber dass sie für Diego ihren Ehemann verlassen wird, steht da noch in den Sternen. Aber zu spät; Amor‘s Pfeil hat die beiden mitten ins Herz getroffen. Gemma und Diego werden unzertrennlich.

„Da stand er nun, der Trottel, mit seinen hervorstehenden Augen und dem zu großen Lächeln, das ihm die mageren Wangen zerriss. Wohin wird mich dieser Wahnsinnige bringen? In welche Hölle? In welches Paradies?“

Eine Weile sind sie sich selbst genug und führen ein einfaches Leben in Rom. Beruflich stellen sich bei beiden erste Erfolge ein. Aber irgendwann genügt das nicht mehr und sie wünschen sich ein Kind. Die Erkenntnis, das Gemma unfruchtbar ist, bringt das Paar  ins Trudeln.  Ein Adoptionsversuch in der Ukraine scheitert und Gemma und Diego reisen nach Sarajevo; dorthin wo alles begann. Während die Bomben fallen, kommt 1992 der so sehnlichst erwartete Sohn Pietro zur Welt. Gemma flieht mit dem Neugeborenen, nicht wissend, dass sie Diego niemals wiedersehen wird.

Mit „Das schönste Wort der Welt“ ist Margaret Mazzantini ein bittersüsser, energiegeladener und nicht zuletzt überraschender Roman gelungen. Da hat für einmal die wunderbare Gestaltung – das aussergewöhnliche Cover hat mich schon in der Buchhandlung angesprungen –  nicht zu viel versprochen.  Mein Fazit ist ganz einfach: Unbedingt lesen!

Für weitere Infos zu dieser aussergewöhnlichen Geschichte geht es hier lang.  

Flugzeugabsturz über dem peruanischen Urwald

Durch ein Radiointerview von Juliane Koepcke wurde ich auf dieses Buch aufmerksam und so habe ich gleich zugegriffen, als es im Lande Exsila angeboten wurde.

An Heiligabend 1971 stürzt Juliane Koepcke aus 3000 Metern Höhe über dem peruanischen Urwald ab. Sie ist die einzige Überlebende dieses Flugzeugabsturzes. Elf Tage kämpft sie sich durch den Urwald bis sie zurück in die Zivilisation findet. Eine spannende Lektüre könnte dies sein. Wer allerdings, wie ich mit der Vorstellung rangeht, dass es in diesem Buch vor allem darum geht, wie ein Mensch eine solche Katastrophe überleben kann,  wird mit grosser Wahrscheinlichkeit  enttäuscht werden. Der Absturz und die darauf folgenden Tage bis zur Rettung werden sehr kurz und knapp abgehandelt. Über lange Strecken berichtet die Autorin im Stile eines Aufsatzes über ihre Kindheit, ihre Eltern, ihre Schulen, ihre exotischen Haustiere und so weiter und so fort. Zumindest wird die aufkommende Langeweile beim Lesen durch eindrückliche Fotografien etwas aufgelockert. Aber das hilft nur bedingt;  Ihr Aufwachsen vor dieser exotischen Kulisse, das Leben in einer Forscher-Familie und ihr heutiges Engagement für den Umweltschutz sind die eigentlichen Themen dieses Buchs. Dagegen ist auch gar nichts zu sagen. Aber erwartet habe ich nunmal etwas anderes.

Fazit: Meine Erwartungen an eine spannende Lektüre haben sich nicht erfüllt.

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„Wenn nur mal jemand aufschreiben würde, was hier in einem Jahr so los ist…..“

Bis zur letzten Seite – ja, das Nachwort ist hier inklusive gemeint – hat dieses Buch mich gefesselt. Nicht gefesselt im Sinne von gebannter nervenzerreissender Spannung sondern gefesselt wie ein gut recherchierter Zeitungsbericht oder ein 1a-Dokumentarfilm. Was ja nicht wundert; schliesslich ist „Homicide“ von einem arrivierten Journalisten geschrieben worden.

„Wenn nur mal jemand aufschreiben würde, was hier in einem Jahr so los ist, da könnte ein verdammt gutes Buch draus werden“. Genau das hat David Simon getan und der Mordkommission im us-amerikanischen Baltimore mehr als nur über die Schulter geschaut. Ein ganzes Jahr war er hautnah dabei und hat wie ein Schwamm aufgesogen wie der Alltag dort aussieht.

Das Resultat ist ein Buch ohne Knalleffekt, ohne Höhepunkte, ohne Showdown im Sinne wilder Verfolgungsjagden mit „Cop fängt den bösen Mörder und buchtet ihn ein“-Garantie. Nein, hier wird mit Sorgfalt gearbeitet. Akribisch werden Spuren, so klein sie auch sein mögen, ausgewertet. Unter Druck der Öffentlichkeit, der Vorgesetzten, der Politik.

Die Detectives bekommen beim Lesen irgendwie etwas ganz Persönliches und wirken schon nach kurzer Zeit wie alte Bekannte. Es hat etwas Sorgfältiges, wie sie ihren Job machen. Wobei Job das falsche Wort ist; sie kommen mir schon fast vor wie Uhrmacher, die unbeirrt und mit grosser Kreativität an ihrer Uhr basteln und versuchen, sich von Nebengeräuschen nicht irritieren zu lassen.

„Homcide“ diente als Vorlage für die erfolgreiche Fernsehserie „Homicide: Life on the Street“.

Mit 828 Seiten ist „Homicide“ ein ganz schöner Wälzer. Wer sich deswegen davon abhalten lässt, verpasst viel. Sehr viel. Ich für meinen Teil hätte noch hunderte von Seiten weiterlesen können.

Fazit: Ungeheuer spannend ohne gruselig zu sein. Absolute Leseempfehlung!

Für weitere Infos zu „Homicide“ geht es hier lang. Am 23.2.12 kommt „The Corner“ auf dem Markt. Ich warte schon ungeduldig darauf und bin sehr gespannt, ob meine mit dem vorliegenden Buch sehr hoch geschraubten Erwartungen erfüllt werden können.