Gewaltige Hölle von Guillermo Martinez

Erzählungen, 200 Seiten, 18.95 Euro, 28.90 sFr,  September 2010, ISBN:9783821861159 Hier geht’s zur Leseprobe

Absurdität und Schrecken des Realen

Weltliteratur aus Argentinien: Die Erzählungen von Borges’ »Meisterschüler« (Martin Halter im Tages-Anzeiger).

Ein Mann kommt in eine kleine Stadt irgendwo im argentinischen Niemandsland. Er bleibt eine Weile, dann verschwindet er, und mit ihm verschwindet eine schöne Frau. Gerüchte machen die Runde, von einem Verbrechen ist die Rede. Als jedoch jemand einen Fund macht, der weit schrecklicher ist als alles Vermutete, kehrt das Schweigen zurück…

In Guillermo Martínez’ Erzählung »Gewaltige Hölle«, einer Verarbeitung des Schicksals der vielen  »Verschwundenen«,  die der argentinischen Militärdiktatur zum Opfer fielen, wird die augenscheinliche Gefasstheit der Kleinstadt zur Metapher eines vergewaltigten Landes. Martínez erzählt aufwühlend und zugleich ungeheuer kontrolliert – der beißende Humor ist streng gezügelt, die Spannung grandios dosiert. Fast unmerklich entwickeln sich seine Erzählungen, die in diesem Band vollständig versammelt sind, auf den Irrsinn zu: auf das Absurde im Angesicht der oft grausamen Schrecken der Realität.

Guillermo Martinez‘ Erzählungen beginnen leise, biegen ganz plötzlich scharf ab, führen mich aufs Glatteis und lassen mich stirnrunzelnd, ratlos, staunend zurück. Nach den ersten Erzählungen wappne ich mich, nehme mir vor, mich nicht mehr in die Irre führen zu lassen; nur um wiederum festzustellen, dass sich kurz nach der Kurve die Spule meines Kopfkinos wieder anfängt zu zu drehen und in eine völlig falsche Richtung läuft. Am Ende wieder das grosse Staunen.

Manche Protagonisten begegnen uns in einer Nebenrolle wieder, was mich mehrmals Ungutes schwanen lässt – wie war das nochmals mit dem Kopfkino….? Über ihnen scheint jeweils vom ersten Moment an ein Scheinwerfer zu brennen, der am Ende der Erzählung ausgeknipst wird. Manche Geschichten enden in einer Art Vollbremsung und lassen mich konsterniert und mit laufender Filmspule im Regen stehen. Das Ganze hat etwas Atemloses.

Ob die eine oder andere Geschichte befremdlich scheint, ich sie nicht verstehe, ist mir herzlich egal. Dass sie nachklingt wie ein ausserordentliches Musikstück, ist mehr als genug.

Fazit: Wer bereit ist, sich auf erzählerisches Glatteis zu begeben, wird belohnt mit Geschichten, die alles andere als alltäglich sind.

Zehn von Andrej Longo

ISBN 9783821861128, Fester Einband, 208 Seiten, aus der Reihe 1, Gegenwartsliteratur, erschienen am 01.04.2010 bei Eichborn

14.6.10: Du sollst……

In einer Sprache grösster Selbstverständlichkeit erzählt Andrej Longo vom Leben in Neapel. Zehnmal      lässt er uns für kurze Zeit einen Menschen in dieser Stadt begleiten. Da ist der Teenager, Papilù, der seiner  Mutter verspricht, keinen Ärger zu machen und der letztendlich den Fängen der Camorra doch nicht entkommt. Da ist die vierzehnjährige Rosa, die von ihrem Vater missbraucht, zu einer Engelmacherin geht. Da ist der übermütige Nicò, der eine tödliche Fehleinschätzung macht. Und da sind noch sieben mehr, die in der einen oder anderen Weise vom Griff der Camorra umklammert sind.

Keine leichte Kost, die Andrej Longo, selbst in Neapel aufgewachsen, uns da vorsetzt. Dass jede dieser Geschichten tatsächlich passiert ist, macht die Lektüre beklemmend. Dass die immer nur wenige Seiten umfassenden Geschichten dann auch noch jeweils mit einem der zehn Gebote getitelt werden, hat etwas Ungeheuerliches. Gut, dass Andrej Longo fiktive Namen gewählt hat und damit dem Los Roberto Saviano’s entgeht.

Fazit: Beklemmend, brillant, lesenswert!