Katharina Faber – Fremde Signale

Katharina-Faber-Fremde-Signale_smallDie Bücher vom Schweizer Bilger-Verlag haben mich bisher optisch immer sehr angesprochen. Aber das war es auch schon. Die Lust, eines auch wirklich mal zu lesen, war  nicht da. Die Geschichten interessierten mich einfach nicht. Bis eine Bibliothekarin mir in den höchsten Tönen von „Fremde Signale“ vorschwärmte. Also gut, dann nehme ich es eben mit. Mal etwas reinblättern kann ja nicht schaden. Zur Inhaltsbeschreibung geht es hier lang.

Melancholisch und gleichzeitig aufregend schreibt Katharina Faber von drei Schutzengeln und ihrem Schützling. Wie sie ihre Schutzbefohlene begleiten, unauffällig beschützen, ihr Gutes tun. Und während die einzelnen Stimmen der drei Engel erzählen, kommen wir auch ihnen näher. Ihrem Leben und ihrem Tod. Ihren Wünschen und Träumen.

„Was wir übermitteln, kommt nicht aus einem Alphabet. Unsere Zeichen gleichen in nichts den Zeichen einer Sprache. Und wenn wir uns an Menschen wenden mit unseren Signalen, so sind es für sie: fremde Signale. Herausgelöst aus dem Zeichennetz der Sprache. In ihre Menschentaubheit hinein. Schicken wir unsere Signale.“

Wer jetzt zwischen diesen Buchdeckeln esoterisches Gesülze vermuten sollte, liegt übrigens völlig falsch.

Fazit: Das ist es wohl, was man Erzählkunst nennt. Aussergewöhnlich, warmherzig, ganz gross.  Ja, man sollte auf Bibliothekarinnen hören…dce2882e2eeb0642b159fc88e9fd030a_low

Ein wildes Herz von Robert Goolrick

Ein wildes Herz von Robert GoolrickVirginia, 1948. Eines Tages kreuzt er plötzlich auf in der beschaulichen Kleinstadt Brownsburg. Mit seinem alten ramponierten Pickup kommt Charlie Beale in der 538 Seelen-Gemeinde an und beschliesst, sich dort niederzulassen. Sein einziger Besitz scheinen nebst dem Auto die zwei Koffer zu sein; einer prallvoll mit Geld, der zweite enthält seine rasiermesserscharfen Schlachtermesser. Man muss wissen, Charlie Beale ist Metzger. Es dauert nicht lange, und er fängt an beim einzigen Metzger im Dorf zu arbeiten. Keiner schneidet die Steaks so perfekt wie er und die Hausfrauen schliessen ihn schnell ins Herz. Als er die auffallend schöne Sylvan kennen lernt, ist es um ihn geschehen. Wie ein Pinup-Girl sieht sie aus und passt so gar nicht in das verschlafene Nest. Sie ist mit dem reichsten – und hässlichsten – Mann in Brownsburg verheiratet. Auf welch ungewöhnliche Weise diese Ehe zustande kam, soll jeder selbst lesen. Es wäre eine wahre Schande, das an dieser Stelle zu verraten.
 
„Er wäre für sie gestorben, so wie er jetzt für sie lebte, für Sylvan und nur für Sylvan. Für sie würde er zu einem besseren Menschen werden, und er würde geduldig sein wie der bibliosche Hiob, er würde nichts sagen, keinen Druck ausüben, er würde alles wollen und nichts erwarten.“
Für den fünfjährigen Metzgerssohn, Sam, wird Charlie Beale  so etwas wie ein  zweiter Vater. Wie ein junger Hund begleitet der ihn bald auf Schritt und Tritt. Es ist herzerwärmend zu sehen, wie liebevoll Charlie mit dem Kleinen umgeht. Sylvan erwidert Charlie’s Werben und eine amour fou nimmt ihren Lauf. Die anfänglich gemächlich anlaufende Geschichte nimmt bald ordentlich Fahrt auf und endet in einer Tragödie, die keiner vorhersehen kann. Ich habe das Buch an einem Wochenende beinahe in einem Rutsch weggelesen. Ein Pageturner,  wie man ihn sich besser nicht wünschen kann.
 
„Es ist die Geschichte dieser Welt, und das Notizbuch eures kleinen Lebens, und wenn ihr zu Asche geworden seid und im tiefen Dunkel des Grabes liegt, wird es eure Geschichte erzählen.“
 
Fazit: Irrsinnig spannender Roman mit Figuren, die einen lange nicht mehr loslassen. 
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Grace McCleen – Wo Milch und Honig fliessen

wo-milch-und-honig-fliessenDie zehnjährige Judith ist ein einsames Kind.  Sie lebt alleine mit ihrem streng religiösen Vater. Judith’s Mutter starb bei ihrer Geburt. Auch wenn es nicht explizit erwähnt wird, ist bald ersichtlich, dass die Geschichte im Umfeld der Zeugen Jehovas spielt. Die Mission ihres Vaters ist klar: Die Menschheit vor dem drohenden Weltuntergang  zu bekehren. Dass Judith in der Schule eine Aussenseiterin ist, wundert nicht. Sie wird gemobbt und ist mit ihren Sorgen vollkommen allein. Um dem öden Alltag zu entfliehen, bastelt sich Judith in ihrem Zimmer aus Fundstücken sehr fantasievoll eine eigene kleine Welt und nennt sie das Land der Zierde.

„Vom Glauben verstehe ich etwas. Die Welt in meinem Zimmer ist daraus gemacht. Aus Glauben habe ich die Wolken genäht. Aus Glauben habe ich den Mond und die Sterne ausgeschnitten. Mit Glauben habe ich alles zusammengeklebt und zum Leben erweckt. Weil der Glaube wie Fantasie ist. Er sieht etwas, wo nichts ist, er macht einen Sprung, und plötzlich fliegt man.“

Als ein Mitschüler sie am Freitag so sehr bedroht, dass sie panische Angst davor hat, am Montag zur Schule zu gehen, passiert etwas Unglaubliches. Sie betet um Schnee; viel Schnee. So viel, dass am Montag die Schule ausfällt.  Um ihren sehnlichsten Wunsch zu visualisieren, lässt sie es auf ihre Fantasiewelt schneien.

Kurz darauf fällt Schnee und das in solchen Mengen, dass das normale Leben erst einmal still steht. Judith ist überzeugt davon, dass sie selbst es war, die es hat schneien lassen. Scheinbar hat sie die Büchse der Pandora geöffnet denn von da an lässt sie immer wieder Dinge geschehen. Allmachtsgefühle entwickeln sich. Das ist beängstigend und faszinierend zugleich. Wem soll sie davon erzählen, wo doch niemand da ist, der ihr zuhört? Wer würde ihr glauben?

Die Autorin lässt einen sehr rasch Zugang finden zu diesem besonderen Kind, das versucht, seine Schwierigkeiten alleine zu bewältigen. Ihr Glaube wirkt  unerschütterlich. Die Geschichte entwickelt einen Sog, der das Buch nur schwer weglegen lässt. Unhörbar scheint im Hintergrund eine Bombe zu ticken. Äusserst spannend.  Die erwartete Explosion tritt aber nicht ein.  Das ist es auch, was ich am Ende des Buchs bemängle. Die Autorin hat in diesem Punkt meiner Meinung nach die Kurve zu einem stimmigen Ende nicht gekriegt.  Das letzte Drittel der Geschichte hat mich regelrecht gelangweilt. Das allerdings wird mich nicht davon abhalten, die Autorin im Auge zu behalten. Denn ihre plastische Erzählweise macht Lust auf mehr.  Grace McCleen’s  zweiter Roman ist in Arbeit. Ich werde ihn bestimmt lesen.

Fazit: Anfangs sehr poetisch und spannend, gegen Ende aber leider ziemlich langweilig.

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Kleiner Roman, ganz gross.

9783455403848Jocelyne ist 47 Jahre alt und ihre Ehe mit Jocelyn – diese beinah gleichen Namen haben mich beim Lesen übrigens genervt – ist im wahrsten Sinne des Wortes in die Jahre gekommen. Frust macht sich breit. War das wirklich alles? So hatte sich Jocelyne das Leben nicht vorgestellt.

„Jedes Mal überrascht es mich, wenn ich Jo nach Hause kommen höre. Ein Riss in der Seide meines Traums. Ich ziehe mich hastig wieder an. Schatten bedecken die Klarheit meines Körpers. Ich weiss um die seltene Schönheit unter meinen Kleidern. Aber Jo sieht sie nie.“

Die Geschichte handelt in einer kleinen Ortschaft in Nordfrankreich. Jocelyne mag die Arbeit in ihrem Kurzwarenladen und die Kontakte, die ihr Handarbeiten-Blog bringt. So ereignislos wie ein kleines Bächlein plätschert ihr Leben dahin; weder ist sie besonders unglücklich noch besonders glücklich. Eine seltsame Art der Taubheit macht sich breit. Bis der grosse Knall in Form eines 18 Millionen Lottogewinns in ihr Leben einbricht. Wobei es eigentlich ein sehr leiser Knall ist, denn Jocelyne beschliesst, weiterzuleben wie bisher und erzählt keiner Menschenseele davon. Zu gross ist ihre Angst, mehr zu verlieren als sie gewonnen hat. Aber seit wann lassen sich Tragödien durch Wegsehen verhindern?

Kein Wort zuviel steckt in diesen 126 Seiten. Wie lange Grégoire Delacourt wohl an diesen Sätzen gefeilt hat,  bis sie in solch scheinbarer Leichtigkeit übers Papier geschwebt sind. Sein Schreibstil macht es einen leicht, einfach mitzugehen mit Jocelyne und ihren versteckten 18 Millionen. Sie ist eine Protagonistin, die ich auf der letzten Seite nur ungern verabschiedet habe.

Fazit: Ein stiller und unaufgeregter Roman über das, was im Leben wichtig ist. Empfehlenswert für alle, die leise Töne mögen. 

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365 Tage, 365 Bücher und ein lila Sessel

cover final-sankovitchNina Sankovitch war schon immer eine leidenschaftliche Leserin. Diese Liebe zu Büchern wurde ihr in die Wiege gelegt.  Als ihre Schwester erst 46jährig an Krebs stirbt, ist Nina Sankovitch’s  Trauer grenzenlos. Und so verschreibt sie sich eine unkonventionelle und aufwändige Selbsttherapie. Sie liest 365 Bücher in 365 Tagen und bespricht jedes einzelne auf ihrem sehr bald vielbeachteten Blog readallday.   Durch die Bücher findet sie zurück in ein erfülltes Leben. Wie sie diesen von Oktober 2008 bis Oktober 2009 dauernden Lesemarathon erlebt,  welche Erinnerungen ihr dabei durch den Kopf gehen und was das Gelesene in ihrem Innern bewirkt, berichtet sie in „Tolstoi und der lila Sessel“. Dass ihr Ehemann und ihre vier gemeinsamen Söhne ihre experimentelle Therapie unterstützen, hat schon fast etwas Märchenhaftes.

Ich wollte in Büchern versinken und als ganzer Mensch wieder auftauchen.

Vier Regeln erlegt sie sich auf: Die Bücher dürfen nicht mehr als 2,5 cm dick sein. Jedes Genre ist erlaubt und am Sonntag ist Krimi-Tag. Jedes Buch wird am Tag nach der Lektüre rezensiert.

Atemlos und innerhalb eines Wochenendes habe ich Nina Sankovitch’s literarische Reise zurück ans Licht mitverfolgt und dabei nicht nur Bücher entdeckt, die ich unbedingt noch lesen muss sondern mich auch an Bücher erinnert, die schon seit einiger Zeit unbeachtet in meinem Regal stehen.

Als Sahnehäubchen sind am Ende von „Tolstoi und der lila Sessel“ alle 365 Titel aufgelistet. Nach der Lektüre nicht sofort in die nächste Buchhandlung zu stürmen, verlangt einiges an Selbstdisziplin…

Ich sass allein mit meinem Buch unter dem Licht der Lampe, und mir war, als sässe ich in einem dunklen Theatersaal vor eine Bühne, auf die ein Scheinwerfer gerichtet ist. Das ganze Stück wurde für mich allein gegeben, ohne Pause, ohne Unterbrechung, jedes Wort in Festbeleuchtung.

Fazit: Eine ganz persönliche Liebeserklärung an die Literatur und eine Schatzkiste voller Buchtipps. „Tolstoi und der lila Sessel“ ist ein wunderbares Geschenk für alle Büchernarren.  Wobei mein Exemplar garantiert für alle Zeiten ein festes Zuhause in meinem Bücherregal haben wird.

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Glück im Unglück oder was ein zottliger Vierbeiner so alles ermöglicht

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So schnell kann‘s gehen. Philippe verliert den Boden unter den Füssen. Von seiner Ex-Frau auf die Strasse gestellt, tritt er die Flucht nach vorn an und schmeisst, als klar wird, dass sein Chef ihm kündigen wird, gleich noch seinen Job hin. Eine Obdachlosenkarriere nimmt ihren Anfang.

Als fahl der Morgen anbricht, hat er nur ein paar Stunden geschlafen, Stunden, so zersplittert wie zerschlagenes Glas.

Tag für Tag geht es weiter abwärts mit Philippe. Verzweifelt versucht er, in seinem Dasein einen letzten Rest Würde zu bewahren. Und dann, als der hungrige Philippe sein letztes Geld in eine Crêpe investiert, steht er plötzlich vor ihm. Der scheinbar herrenlose Hund mit dem zerrupften Fell. Hungrig und offenkundig genau so einsam wie Philippe. Bald wird klar, dass sich hier zwei gefunden haben.

Nimm mich zu dir, und aus dem Elend von uns beiden machen wir dann vielleicht so etwas wie Glück.

Jeder, der schon einmal mit einem Hund unterwegs war, weiss, dass ein Hund Brückenbauer für Kontakte sein kann.  Und so knüpft Philippe Freundschaften, die ihm ermöglichen, sich langsam aber stetig aus dem Elend rauszuarbeiten. „Ein Winter mit Baudelaire“ ist eine rasch wegzulesende, herzerwärmende aber zum Ende hin meines Erachtens eher unrealistische Geschichte Das Ende ist bittersüss und ziemlich kitschig, so dass der Roman schon fast als Märchen bezeichnet werden könnte. Mit der Einschränkung, dass das Obdachlosen-Schiff „Le Fleuron“, in dem Philippe erste Schritte in Richtung Oberwasser schwimmen lernt,  tatsächlich existiert. Harold Cobert will einen Teil der Tantiemen für den Roman  zugunsten  von „Le Fleuron“ stiften. Am Ende des Buches sind Adressen aufgelistet, an die sich Obdachlose in Deutschland, Österreich und in der Schweiz wenden können.

Fazit: Ein Roman für kalte Winterabende und gleichzeitig ein Plädoyer für Toleranz gegenüber obdachlosen Menschen.

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DAS Antikriegsbuch schlechthin

9783716026625Nein, dies sind nicht die Memoiren eines Vietnam-Veteranen. „Matterhorn“ ist ein Roman. Und doch, ist er für Karl Marlantes weit mehr als das. In den 661 Seiten stecken seine Erinnerungen, seine Albträume, all das Unaussprechliche, das niemand hören wollte. 2010 in den USA erschienen, war „Matterhorn“ wochenlang auf den Bestsellerlisten und hat unzählige Preise eingeheimst.

Im Zentrum des Geschehens steht der 19jährige Second Lieutnant Waino Mellas. Er erhält den Befehl, an einem Hügel, genannt „Matterhorn“ an der Grenze zu Laos und Nordvietnam eine Feuerunterstützungsbasis auszubauen. Ein Befehl, der den jungen Männern alles abverlangt. Kaum geschafft, führt ein weiterer Befehl Mellas‘ Truppe vom „Matterhorn“ weg. Diese zweite Mission, die Nachschublinien der Vietcong zu unterbrechen, führt die schon erschöpften Männer direkt durch die Hölle und zurück. Nachdem klar ist, dass die Vietcong „Matterhorn“ besetzt haben, folgt der wahnwitzige Befehl, die zuvor selber ausgebaute Stellung zurückzuerobern. Koste es, was es wolle.

Er dachte an den Dschungel, der um ihn herum schon wieder nachwuchs, um die Narben zu bedecken, die sie geschlagen hatten. Er dachte an den Tiger, der tötete, um zu fressen. War das böse? Und Ameisen? Sie töteten ebenfalls. Nein,der Dschungel war nicht böse. Ihm war alles gleichgültig. Genau wie der Welt an sich.

Hier geht es nicht einfach um abscheuliche Verbrechen, die Menschen einander im Krieg  antun. Hier geht es auch um das unmenschliche Leben in der grünen Hölle. Um Blutegel, Krankheiten, Erschöpfung. Um tödliche Raubtiere, um Rassenkonflikte innerhalb der Truppe und um die permanente Panik, dass der nächste Schritt der letzte sein könnte. Anfangs habe ich mir die zugegebenermassen idiotische Frage gestellt, ob „Matterhorn“ in erster Linie ein Männerbuch ist. Die Frage war schon für mich nach wenigen Kapiteln beantwortet. „Matterhorn“ ist vor allem ein Menschenbuch. Das Wort „Vietnamkrieg“ weckt bei vielen die Assoziation mit Filmen, die die Kinokassen ordentlich klingeln liessen. Filme dieser Art sind gar nicht meins und ich habe keinen davon als Ganzes angeschaut, denn sie strahlen für mich etwas Kriegsverherrlichendes aus. Mit „Matterhorn“ hat Karl Marlantes etwas Gegenteiliges geschafft. Einen wahrhaftigen Antikriegsroman. Ich habe grössten Respekt vor diesem Mann.

Fazit: Beeindruckend! Ein Roman, der lange nachhallt und dem ich eine grosse Leserschaft wünsche. Im Mai 2013 erscheint ebenfalls im Arche Verlag Karl Marlantes zweites Buch „Was es heißt, in den Krieg zu ziehen“. Meine Aufmerksamkeit ist ihm jetzt schon sicher.
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Für weitere Infos inkl. Leseprobe und Interview von Karl Marlantes geht es hier lang.