Grace McCleen – Wo Milch und Honig fliessen

wo-milch-und-honig-fliessenDie zehnjährige Judith ist ein einsames Kind.  Sie lebt alleine mit ihrem streng religiösen Vater. Judith’s Mutter starb bei ihrer Geburt. Auch wenn es nicht explizit erwähnt wird, ist bald ersichtlich, dass die Geschichte im Umfeld der Zeugen Jehovas spielt. Die Mission ihres Vaters ist klar: Die Menschheit vor dem drohenden Weltuntergang  zu bekehren. Dass Judith in der Schule eine Aussenseiterin ist, wundert nicht. Sie wird gemobbt und ist mit ihren Sorgen vollkommen allein. Um dem öden Alltag zu entfliehen, bastelt sich Judith in ihrem Zimmer aus Fundstücken sehr fantasievoll eine eigene kleine Welt und nennt sie das Land der Zierde.

„Vom Glauben verstehe ich etwas. Die Welt in meinem Zimmer ist daraus gemacht. Aus Glauben habe ich die Wolken genäht. Aus Glauben habe ich den Mond und die Sterne ausgeschnitten. Mit Glauben habe ich alles zusammengeklebt und zum Leben erweckt. Weil der Glaube wie Fantasie ist. Er sieht etwas, wo nichts ist, er macht einen Sprung, und plötzlich fliegt man.“

Als ein Mitschüler sie am Freitag so sehr bedroht, dass sie panische Angst davor hat, am Montag zur Schule zu gehen, passiert etwas Unglaubliches. Sie betet um Schnee; viel Schnee. So viel, dass am Montag die Schule ausfällt.  Um ihren sehnlichsten Wunsch zu visualisieren, lässt sie es auf ihre Fantasiewelt schneien.

Kurz darauf fällt Schnee und das in solchen Mengen, dass das normale Leben erst einmal still steht. Judith ist überzeugt davon, dass sie selbst es war, die es hat schneien lassen. Scheinbar hat sie die Büchse der Pandora geöffnet denn von da an lässt sie immer wieder Dinge geschehen. Allmachtsgefühle entwickeln sich. Das ist beängstigend und faszinierend zugleich. Wem soll sie davon erzählen, wo doch niemand da ist, der ihr zuhört? Wer würde ihr glauben?

Die Autorin lässt einen sehr rasch Zugang finden zu diesem besonderen Kind, das versucht, seine Schwierigkeiten alleine zu bewältigen. Ihr Glaube wirkt  unerschütterlich. Die Geschichte entwickelt einen Sog, der das Buch nur schwer weglegen lässt. Unhörbar scheint im Hintergrund eine Bombe zu ticken. Äusserst spannend.  Die erwartete Explosion tritt aber nicht ein.  Das ist es auch, was ich am Ende des Buchs bemängle. Die Autorin hat in diesem Punkt meiner Meinung nach die Kurve zu einem stimmigen Ende nicht gekriegt.  Das letzte Drittel der Geschichte hat mich regelrecht gelangweilt. Das allerdings wird mich nicht davon abhalten, die Autorin im Auge zu behalten. Denn ihre plastische Erzählweise macht Lust auf mehr.  Grace McCleen’s  zweiter Roman ist in Arbeit. Ich werde ihn bestimmt lesen.

Fazit: Anfangs sehr poetisch und spannend, gegen Ende aber leider ziemlich langweilig.

Für weitere Infos zu diesem Titel geht es hier lang. Bücherelfe

Leserausch garantiert!

041998224-im-rausch-der-freiheitMit 1150 Seiten ist Edward Rutherfurd‘s Reise durch 400 Jahre New Yorker Geschichte ein echter Wälzer. Von der Mitte des 17. bis ins 21. Jahrhundert begleiten wir vier Einwandererfamilien. Sie stammen aus Holland, Deutschland, Italien und England und suchen alle auf die eine oder andere Art ihr Glück. Rutherfurd lässt uns tief eintauchen in die jeweiligen Familiengeschichten; Wer Familienromane mag, kommt hier voll auf seine Kosten.

Zwischen diesen Buchdeckeln findet sich vieles, was man schon über die Ereignisse in diesen vier Jahrhunderten gehört oder gelesen hat.. Ob Sklaverei, Bürgerkrieg, Prohibition mit ihren Flüsterkneipen, Rassenunruhen, Korruption oder Little Italy. All das und vieles mehr kommt zur Sprache. Persönlichkeiten wie der grosse Caruso, George Washington, Abraham Lincoln, Theodore Roosevelt. Multimillionär John Jacob Astor und der legendäre Bankier J.P. Morgan werden auf solch lebendige Art porträtiert, dass man sie förmlich vor sich sieht. Das gilt übrigens auch für die vier fiktiven Einwandererfamilien mit ihren zahlreichen Nachkommen.

Schon die ersten Seiten haben die Filmspule zum Kopfkino der allerfeinsten Sorte anlaufen lassen. Auf wundersame Weise wurde ich ins 17. Jahrhundert reingezogen um 1150 Seiten später im 21. Jahrhundert wieder ausgespuckt zu werden. „Im Rausch der Freiheit“ ermöglicht mit seinem Mix aus Geschichtsbuch und Roman einen echten Lese-Rausch. Wer dieses Buch wie ich in mehreren grossen Happen  verschlingt, wird das fehlende Personenverzeichnis kaum vermissen.

Ich werde mich künftig auf jeden Fall an die Fersen von Edward Rutherfurd heften. Wer so schreibt, den behalte ich im Auge.

Fazit: Mitreissend und ausserordentlich interessant. Absolute Leseempfehlung!

Für weitere Infos zum diesem Titel geht es hier lang 

Bücherelfe

Bücherelfe

Kleiner Roman, ganz gross.

9783455403848Jocelyne ist 47 Jahre alt und ihre Ehe mit Jocelyn – diese beinah gleichen Namen haben mich beim Lesen übrigens genervt – ist im wahrsten Sinne des Wortes in die Jahre gekommen. Frust macht sich breit. War das wirklich alles? So hatte sich Jocelyne das Leben nicht vorgestellt.

„Jedes Mal überrascht es mich, wenn ich Jo nach Hause kommen höre. Ein Riss in der Seide meines Traums. Ich ziehe mich hastig wieder an. Schatten bedecken die Klarheit meines Körpers. Ich weiss um die seltene Schönheit unter meinen Kleidern. Aber Jo sieht sie nie.“

Die Geschichte handelt in einer kleinen Ortschaft in Nordfrankreich. Jocelyne mag die Arbeit in ihrem Kurzwarenladen und die Kontakte, die ihr Handarbeiten-Blog bringt. So ereignislos wie ein kleines Bächlein plätschert ihr Leben dahin; weder ist sie besonders unglücklich noch besonders glücklich. Eine seltsame Art der Taubheit macht sich breit. Bis der grosse Knall in Form eines 18 Millionen Lottogewinns in ihr Leben einbricht. Wobei es eigentlich ein sehr leiser Knall ist, denn Jocelyne beschliesst, weiterzuleben wie bisher und erzählt keiner Menschenseele davon. Zu gross ist ihre Angst, mehr zu verlieren als sie gewonnen hat. Aber seit wann lassen sich Tragödien durch Wegsehen verhindern?

Kein Wort zuviel steckt in diesen 126 Seiten. Wie lange Grégoire Delacourt wohl an diesen Sätzen gefeilt hat,  bis sie in solch scheinbarer Leichtigkeit übers Papier geschwebt sind. Sein Schreibstil macht es einen leicht, einfach mitzugehen mit Jocelyne und ihren versteckten 18 Millionen. Sie ist eine Protagonistin, die ich auf der letzten Seite nur ungern verabschiedet habe.

Fazit: Ein stiller und unaufgeregter Roman über das, was im Leben wichtig ist. Empfehlenswert für alle, die leise Töne mögen. 

Für weitere Infos über diesen Titel geht es hier lang. dce2882e2eeb0642b159fc88e9fd030a_low

Ein Juwel für die Abteilung Familienroman

9783492258746_cover

Der Westen Kanadas ist in den sechziger Jahren ein beliebter Fluchtpunkt für junge us-amerikanische Kriegsgegner. So auch für den jungen Hippie, Richard Jorden, der sich selber River nennt. Er heuert bei der Farmerfamilie Ward als Helfer an. Mit seiner sanften, freundlichen Art schleicht er sich schon bald in die Herzen der einzelnen Familienmitglieder.

RIVER JORDEN. Wie ein Fluss strömte er in unser Leben, so leicht, wie das Wasser seinen Lauf findet. Und wie Wasser sollte er zur rechten Zeit die ausfransenden Ränder des Widerstands runterspülen.

Noch ahnt niemand, dass River‘s Ankunft Dinge ins Rollen bringt, die wie eine Naturgewalt über die Familie brettern und das bisherige Idyll zerstören werden.

Natalie Ward, inzwischen 52 Jahre alt, blickt auf ihre Kindheit zurück. Auf dringenden Wunsch Ihrer sterbenskranken Mutter kehrt sie noch einmal zurück auf die Farm. Es ist an der Zeit, mit Geheimnissen aufzuräumen. Es ist an der Zeit, das Schreckliche irgendwie einzuordnen. Es ist an der Zeit zu verzeihen.

„So ist das mit den Worten“, sagte Boyer, „einmal ausgesprochen, sind sie wie verschüttete Milch, man kann sie unmöglich wieder einsammeln. Worte sind zu mächtig, als dass man sie gedankenlos benutzen sollte…“

Inhaltlich mehr zu verraten, wäre eine wahre Schande. Denn Donna Milner versteht es, die Geschichte leise vor sich hinplätschern zu lassen und dann und wann kleine Hinweise zu geben, was schiefgehen könnte. Bis zum ganz grossen Knall! Der Ausgang der Geschichte ist bis fast zum Schluss nicht vorhersehbar.  Wenn das Ende dann da ist, könnte man es durchaus als sehr amerikanisch und kitschig bezeichnen. Was mich bei diesem Roman aber ganz und gar nicht stört sondern ganz im Gegenteil einfach passend ist.

Fazit: Ein Juwel für die Abteilung „Familienroman“. 

Für weitere Infos zu diesem Titel geht es hier lang.dce2882e2eeb0642b159fc88e9fd030a_low

Wenn das eigene Kind spurlos verschwindet, verschwindet auch das eigene Leben

Bram Mannheim, glücklicher Ehemann, hingebungsvoller Vater, erfolgreicher Professor in Princeton. Dorthin hat es Bram und seine Ehefrau Rachel gezogen, nachdem der gemeinsame Sohn Bennie in seinem Kindergarten in Tel Aviv nur knapp einem Anschlag entgangen war. Vom gefährlichen Pflaster Tel Aviv weg in den sicheren Hafen Princeton. Und dann verschwindet Bennie spurlos, einfach so. Er ist vier Jahre alt.
Wenn das eigene Kind spurlos verschwindet, verschwindet auch das eigene Leben. Nichts ist mehr wie es war. Gar nichts. Bram bricht mit allem was sein Leben bisher ausgemacht hat. Er will einfach nicht glauben, dass Bennie nie mehr zurückkommt. Er gibt nicht auf, niemals. Und er wird fündig. Nach vielen, vielen Jahren. Was er findet, ist erschütternd.
„Das Recht auf Rückkehr“ ist ein fesselndes Buch. Die einzelnen Figuren sind sehr gut herausgearbeitet und wenn die Geschichte auch reine Fiktion ist, so ist es doch vorstellbar, dass so etwas passieren könnte.
 
Fazit: Für mich war es das erste Buch von Leon de Winter. Das letzte wird es bestimmt nicht gewesen sein.
 
Weitere Informationen zu diesem Titel gibt es hier

eine Katze auf Eroberungstour

Sam wünscht sich zu seinem neunten Geburtstag nur das eine: Dieses winzige, schwarze Katzenbaby. Auch wenn er noch Wochen auf das Fellknäuel warten muss, weil es noch zu klein zur Abgabe ist. Niemand ahnt, dass Sam seinen Einzug in die Familie nie erleben wird. Ein Unfall reisst ihn jäh aus seinem jungen Leben. Sein jüngerer Bruder, Rob, erlebt alles hautnah mit.

„Für immer. Sam war für immer weg. Wie lange dauert das? War das die Unendlichkeit? Das Zeichen für Unendlichkeit war eine Schleife. Wenn ich lange genug an einer universellen Bushaltestelle wartete, würde Sam dann irgendwann vorbeikommen und zu mir zurückkehren“?

Als das scheinbar nicht mit Schönheit gesegnete Kätzchen schliesslich abgeliefert wird, reagiert Helen Brown reflexartig mit Ablehnung und möchte es postwendend zurückgeben. Aber das kann sie Rob nicht antun, wo doch über  dessen Gesicht zum ersten Mal seit dem Unglück ein Lächeln huscht. Widerwillig nimmt Helen das Kätzchen auf. Cleo, wie es von Rob getauft wird, lässt sich von der Trauer im Haus nicht beirren. Und erkämpft sich langsam aber stetig einen festen Platz in der Familie und in Helen‘s Herz.

Was jetzt nach grandiosem Kitsch klingt, ist genau das nicht. Mit „Cleo“ hat die neuseeländische Journalistin und Autorin Helen Brown ihre eigene Geschichte aufgeschrieben. Sie beschreibt, wie die Familie und das Umfeld mit dem Verlust des ältesten Sohnes  umgegangen ist. Und dass Cleo bei der Bewältigung eine ganz eigene Rolle gespielt hat.

Fazit: Ungeheuer liebenswerte autobiographische Geschichte für alle, die auch nur im entferntesten mit Katzen etwas anfangen können

Für weitere Infos zu diesem Titel geht es hier lang. 

„An jedem neuen Morgen“ von Roger Rosenblatt

Amy Rosenblatt stirbt unerwartet. Sie ist 38 Jahre alt und hinterlässt ihren Ehemann und die drei gemeinsamen kleinen Kinder. Das Jüngste ist gerade erst zwanzig Monate alt. Ohne zu überlegen, springen Amy‘s Eltern, Roger und Ginny Rosenblatt, in die riesige Lücke und ziehen in das Haus der Familie ein. Behutsam versuchen sie, eine Art Normalität aufrecht zu erhalten.

„Sammy mag morgens Vollmilch mit Froot Loops. Jessie ein Glas Sojamilch. Bubbies, der Jüngste, liebt Toast über alles“.

Roger Rosenblatt ist Professor für Englische Literatur und lehrt an der Stony Brook University in New York. Ausserdem ist er Autor von Sachbüchern und Romanen und schreibt daneben für das Time Magazine. Es wundert also nicht, dass er diesen ganz persönlichen Verlust zu Papier bringt. Indem er den Alltag der sich neu formierenden Familie beschreibt und immer wieder zurückblickt auf die verlorene Tochter, scheint er seine Trauer zu bearbeiten. Er tut das in sehr nüchternen Worten. So gesehen, scheint  das Geschriebene eine relativ emotionslose Aneinanderreihung von Alltagsgeschichten zu sein. Für mich bleibt unklar, was Roger Rosenblatt mit „An jedem neuen Morgen“ seiner Leserschaft mitteilen will. Wie auch immer; die Familie Rosenblatt scheint schon fast unwirklich harmonisch. Als würde der Autor dem Schrecklichen ausschliesslich Gutes entgegensetzen wollen.

Fazit: Unerwartet emotionslos wirkender Bericht eines grossen Verlusts.

Näheres zu diesem Titel gibt es hier