Claude Cueni – Der Henker von Paris

9783857874338Fast hätte ich es ungelesen in die Bücherei zurückgebracht. Denn die ersten fünfzig Seiten dieses historischen Romans über die Henker-Dynastie Sanson waren zäh. Nicht eben wegen des unschönen Themas an sich sondern wegen des Schreibstils. Die Sprache wirkte auf mich allzu hölzern. Also Buch einpacken und zurück in die Bücherei damit; das war zumindest der Plan. Hätte ich auf dem Weg dorthin nicht mangels Alternative noch ein wenig weitergelesen. Und wider Erwarten wurde die Sache wahnsinnig interessant. Das Buch wollte unbedingt fertig gelesen werden.

Claude Cueni’s Roman handelt von einem Mann, der aufgrund seiner Herkunft dazu verdammt ist, Henker zu werden. Der Beruf des Henkers wird von Vater zum Sohn weitergegeben; so war das schon immer und da interessiert nicht, dass Charles-Henri Sanson sich zum Arzt berufen fühlt. Es gibt kein Entrinnen. Weder für ihn noch für seinen Erstgeborenen.  Alleine während  dieser Revolution richtet Sanson unter anderem mit Hilfe der eiligst erfundenen Guillotine rund dreitausend Menschen hin. Das Volk ist in einem wahren Blutrausch und Sanson muss als sogenannter „Monsieur de Paris“ richten. Wer nun glaubt, dass es sich hier einfach um einen gruseligen Roman handelt, täuscht sich. Claude Cueni hat  gründlich recherchiert. Die Sanson-Henkersdynastie gab es tatsächlich. Und Charles-Henri Sanson war der letzte grosse Henker von Paris. Wer eine Vorstellung davon bekommen will, wie er gelebt hat, dem sei dass vorliegende Buch ausdrücklich empfohlen.

Fazit: Interessantes Buch rund um ein wirklich grausiges Thema.  

Bücherelfe

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365 Tage, 365 Bücher und ein lila Sessel

cover final-sankovitchNina Sankovitch war schon immer eine leidenschaftliche Leserin. Diese Liebe zu Büchern wurde ihr in die Wiege gelegt.  Als ihre Schwester erst 46jährig an Krebs stirbt, ist Nina Sankovitch’s  Trauer grenzenlos. Und so verschreibt sie sich eine unkonventionelle und aufwändige Selbsttherapie. Sie liest 365 Bücher in 365 Tagen und bespricht jedes einzelne auf ihrem sehr bald vielbeachteten Blog readallday.   Durch die Bücher findet sie zurück in ein erfülltes Leben. Wie sie diesen von Oktober 2008 bis Oktober 2009 dauernden Lesemarathon erlebt,  welche Erinnerungen ihr dabei durch den Kopf gehen und was das Gelesene in ihrem Innern bewirkt, berichtet sie in „Tolstoi und der lila Sessel“. Dass ihr Ehemann und ihre vier gemeinsamen Söhne ihre experimentelle Therapie unterstützen, hat schon fast etwas Märchenhaftes.

Ich wollte in Büchern versinken und als ganzer Mensch wieder auftauchen.

Vier Regeln erlegt sie sich auf: Die Bücher dürfen nicht mehr als 2,5 cm dick sein. Jedes Genre ist erlaubt und am Sonntag ist Krimi-Tag. Jedes Buch wird am Tag nach der Lektüre rezensiert.

Atemlos und innerhalb eines Wochenendes habe ich Nina Sankovitch’s literarische Reise zurück ans Licht mitverfolgt und dabei nicht nur Bücher entdeckt, die ich unbedingt noch lesen muss sondern mich auch an Bücher erinnert, die schon seit einiger Zeit unbeachtet in meinem Regal stehen.

Als Sahnehäubchen sind am Ende von „Tolstoi und der lila Sessel“ alle 365 Titel aufgelistet. Nach der Lektüre nicht sofort in die nächste Buchhandlung zu stürmen, verlangt einiges an Selbstdisziplin…

Ich sass allein mit meinem Buch unter dem Licht der Lampe, und mir war, als sässe ich in einem dunklen Theatersaal vor eine Bühne, auf die ein Scheinwerfer gerichtet ist. Das ganze Stück wurde für mich allein gegeben, ohne Pause, ohne Unterbrechung, jedes Wort in Festbeleuchtung.

Fazit: Eine ganz persönliche Liebeserklärung an die Literatur und eine Schatzkiste voller Buchtipps. „Tolstoi und der lila Sessel“ ist ein wunderbares Geschenk für alle Büchernarren.  Wobei mein Exemplar garantiert für alle Zeiten ein festes Zuhause in meinem Bücherregal haben wird.

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DAS Antikriegsbuch schlechthin

9783716026625Nein, dies sind nicht die Memoiren eines Vietnam-Veteranen. „Matterhorn“ ist ein Roman. Und doch, ist er für Karl Marlantes weit mehr als das. In den 661 Seiten stecken seine Erinnerungen, seine Albträume, all das Unaussprechliche, das niemand hören wollte. 2010 in den USA erschienen, war „Matterhorn“ wochenlang auf den Bestsellerlisten und hat unzählige Preise eingeheimst.

Im Zentrum des Geschehens steht der 19jährige Second Lieutnant Waino Mellas. Er erhält den Befehl, an einem Hügel, genannt „Matterhorn“ an der Grenze zu Laos und Nordvietnam eine Feuerunterstützungsbasis auszubauen. Ein Befehl, der den jungen Männern alles abverlangt. Kaum geschafft, führt ein weiterer Befehl Mellas‘ Truppe vom „Matterhorn“ weg. Diese zweite Mission, die Nachschublinien der Vietcong zu unterbrechen, führt die schon erschöpften Männer direkt durch die Hölle und zurück. Nachdem klar ist, dass die Vietcong „Matterhorn“ besetzt haben, folgt der wahnwitzige Befehl, die zuvor selber ausgebaute Stellung zurückzuerobern. Koste es, was es wolle.

Er dachte an den Dschungel, der um ihn herum schon wieder nachwuchs, um die Narben zu bedecken, die sie geschlagen hatten. Er dachte an den Tiger, der tötete, um zu fressen. War das böse? Und Ameisen? Sie töteten ebenfalls. Nein,der Dschungel war nicht böse. Ihm war alles gleichgültig. Genau wie der Welt an sich.

Hier geht es nicht einfach um abscheuliche Verbrechen, die Menschen einander im Krieg  antun. Hier geht es auch um das unmenschliche Leben in der grünen Hölle. Um Blutegel, Krankheiten, Erschöpfung. Um tödliche Raubtiere, um Rassenkonflikte innerhalb der Truppe und um die permanente Panik, dass der nächste Schritt der letzte sein könnte. Anfangs habe ich mir die zugegebenermassen idiotische Frage gestellt, ob „Matterhorn“ in erster Linie ein Männerbuch ist. Die Frage war schon für mich nach wenigen Kapiteln beantwortet. „Matterhorn“ ist vor allem ein Menschenbuch. Das Wort „Vietnamkrieg“ weckt bei vielen die Assoziation mit Filmen, die die Kinokassen ordentlich klingeln liessen. Filme dieser Art sind gar nicht meins und ich habe keinen davon als Ganzes angeschaut, denn sie strahlen für mich etwas Kriegsverherrlichendes aus. Mit „Matterhorn“ hat Karl Marlantes etwas Gegenteiliges geschafft. Einen wahrhaftigen Antikriegsroman. Ich habe grössten Respekt vor diesem Mann.

Fazit: Beeindruckend! Ein Roman, der lange nachhallt und dem ich eine grosse Leserschaft wünsche. Im Mai 2013 erscheint ebenfalls im Arche Verlag Karl Marlantes zweites Buch „Was es heißt, in den Krieg zu ziehen“. Meine Aufmerksamkeit ist ihm jetzt schon sicher.
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her mit dem Sheriffstern!

Auf dieses Buch bin ich durch die TV-Show „der Hundeflüsterer“ gestossen. Es ist faszinierend, mit welchen Methoden Cesar Millan innert kürzester Zeit aus den wildesten Hunden gehorsame Lämmchen macht und welche Tipps er Hundebesitzern gibt, die bislang von ihren Hunden spazieren geführt werden.

Nach der Lektüre dieses unterhaltsamen Werks könnte ich einen kampflustigen irischen Wolfshund bändigen. Auch eine deutsche Dogge, die bisher Chihuahuas zum Frühstück frass, könnte ich ernährungstechnisch umpolen. Einem englischen Mastiff den Sheriffstern abnehmen, wäre auch keine grosse Sache.  Theoretisch natürlich. Praktisch müsste ich wohl den Hundeflüsterer einfliegen lassen…

Fazit: Unterhaltsamer Mix aus Biografie und Ratgeber.

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ein Missionar und sein Auftrag

Daniel Everett reist 1977 mit seiner Ehefrau und den drei gemeinsamen Kindern in den brasilianischen Urwald. Der Auftrag ist klar: Er soll den Pirahã, einem indigenen Volk, das noch gänzlich traditionell lebt, das Wort Gottes nahebringen. Die Menschen heissen ihn fröhlich willkommen und Daniel Everett richtet sich mit seiner Familie mitten unter ihnen häuslich ein. Insgesamt sieben Jahre lang studiert er die Lebensweise der  Pirahã und lernt ihre Sprache. Schon bald zu Anfang fällt ihm auf, dass von jung bis alt alle aussergewöhnlich glücklich zu sein scheinen.

Erstaunliches kommt zu Tage: Die Sprache der Pirahãs kennt weder Vergangenheit noch Zukunft, weder Farben noch Zahlen. Nur das Jetzt ist ihnen wichtig. Ausschliesslich über unmittelbar Erlebtes wird gesprochen; Abstraktes ist ihnen fremd. Was nicht mit eigenen Augen gesehen wird, existiert nicht und gerade das lässt den Missionsauftrag von Daniel Everett scheitern. Die Pirahã können einfach nicht glauben, was er ihnen nahebringen will. Everett, der im Rückblick gesehen, schon länger zweifelte, verliert den Glauben. Seine Ehe zerbricht daran.

Der Mix aus Erfahrungsbericht und viel Fachlichem aus dem Gebiet der Sprachwissenschaft ist angereichert durch zahlreiche Farb- und Schwarzweiss-Bilder. Die vielen Details zur Linguistik bremsen immer wieder den Lesefluss und ich bekenne mich schuldig, diese Abschnitte teilweise quergelesen zu haben. Gerne hätte ich etwas mehr zur Person von Daniel Everett erfahren. Aber wie der Titel schon sagt, geht es im vorliegenden Buch vor allem um eines: „Das glücklichste Volk“. Es ist spürbar, wie sehr Daniel Everett das Wohlergehen dieser Menschen am Herzen liegt.

Fazit: Empfehlenswert für alle, die sich für fremde Völker und vor allem für Linguistik interessieren.

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eine Katze auf Eroberungstour

Sam wünscht sich zu seinem neunten Geburtstag nur das eine: Dieses winzige, schwarze Katzenbaby. Auch wenn er noch Wochen auf das Fellknäuel warten muss, weil es noch zu klein zur Abgabe ist. Niemand ahnt, dass Sam seinen Einzug in die Familie nie erleben wird. Ein Unfall reisst ihn jäh aus seinem jungen Leben. Sein jüngerer Bruder, Rob, erlebt alles hautnah mit.

„Für immer. Sam war für immer weg. Wie lange dauert das? War das die Unendlichkeit? Das Zeichen für Unendlichkeit war eine Schleife. Wenn ich lange genug an einer universellen Bushaltestelle wartete, würde Sam dann irgendwann vorbeikommen und zu mir zurückkehren“?

Als das scheinbar nicht mit Schönheit gesegnete Kätzchen schliesslich abgeliefert wird, reagiert Helen Brown reflexartig mit Ablehnung und möchte es postwendend zurückgeben. Aber das kann sie Rob nicht antun, wo doch über  dessen Gesicht zum ersten Mal seit dem Unglück ein Lächeln huscht. Widerwillig nimmt Helen das Kätzchen auf. Cleo, wie es von Rob getauft wird, lässt sich von der Trauer im Haus nicht beirren. Und erkämpft sich langsam aber stetig einen festen Platz in der Familie und in Helen‘s Herz.

Was jetzt nach grandiosem Kitsch klingt, ist genau das nicht. Mit „Cleo“ hat die neuseeländische Journalistin und Autorin Helen Brown ihre eigene Geschichte aufgeschrieben. Sie beschreibt, wie die Familie und das Umfeld mit dem Verlust des ältesten Sohnes  umgegangen ist. Und dass Cleo bei der Bewältigung eine ganz eigene Rolle gespielt hat.

Fazit: Ungeheuer liebenswerte autobiographische Geschichte für alle, die auch nur im entferntesten mit Katzen etwas anfangen können

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„An jedem neuen Morgen“ von Roger Rosenblatt

Amy Rosenblatt stirbt unerwartet. Sie ist 38 Jahre alt und hinterlässt ihren Ehemann und die drei gemeinsamen kleinen Kinder. Das Jüngste ist gerade erst zwanzig Monate alt. Ohne zu überlegen, springen Amy‘s Eltern, Roger und Ginny Rosenblatt, in die riesige Lücke und ziehen in das Haus der Familie ein. Behutsam versuchen sie, eine Art Normalität aufrecht zu erhalten.

„Sammy mag morgens Vollmilch mit Froot Loops. Jessie ein Glas Sojamilch. Bubbies, der Jüngste, liebt Toast über alles“.

Roger Rosenblatt ist Professor für Englische Literatur und lehrt an der Stony Brook University in New York. Ausserdem ist er Autor von Sachbüchern und Romanen und schreibt daneben für das Time Magazine. Es wundert also nicht, dass er diesen ganz persönlichen Verlust zu Papier bringt. Indem er den Alltag der sich neu formierenden Familie beschreibt und immer wieder zurückblickt auf die verlorene Tochter, scheint er seine Trauer zu bearbeiten. Er tut das in sehr nüchternen Worten. So gesehen, scheint  das Geschriebene eine relativ emotionslose Aneinanderreihung von Alltagsgeschichten zu sein. Für mich bleibt unklar, was Roger Rosenblatt mit „An jedem neuen Morgen“ seiner Leserschaft mitteilen will. Wie auch immer; die Familie Rosenblatt scheint schon fast unwirklich harmonisch. Als würde der Autor dem Schrecklichen ausschliesslich Gutes entgegensetzen wollen.

Fazit: Unerwartet emotionslos wirkender Bericht eines grossen Verlusts.

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