Ein kapitales Lese-Erlebnis

9783608939859
Gute Bücher zu lesen, ist eine wahre Freude. Sie mit Gleichgesinnten zu lesen, ist doppelte Freude. Laufend das Lese-Erlebnis zu teilen, zu reflektieren, gemeinsam zu staunen, ist ein Geschenk. Die folgende Rezension von John Lanchester’s „Kapital“ ist das Ergebnis einer Leserunde mit meiner  Lovelybooks-Freundin „thursdaynext“.
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Mit Marx hat der Inhalt des Buches fast nichts am Hut. Abgesehen von moralisch sehr fragwürdigen Geldschaufelpraktiken und haarsträubenden Boni für Investmentbanker. Hier ist es eher „das Gespenst Finanzkrise“,  welches die Banker auf sehr hohem Niveau jammern und wehklagen lässt. Wir haben es ihnen gegönnt und uns fürstlich dabei amüsiert.
Aber erst eimal von vorn: Die Pepys Road und ihre Bewohner haben scheinbar Glück. Ihre Häuser und Grundstücke sind richtig was wert. So etwas zu besitzen hat eine ganz gewaltige Kehrseite, denn es weckt bei Aussenstehenden eine Menge Begehrlichkeiten. Ausserdem kann wer viel besitzt auch viel verlieren. Das vordergründige Glück ist also ziemlich brüchig. So unterschiedlich die Einwohner auch sein, eines haben sie gemeinsam: In ihren Briefkästen landen regelmässig Postkarten, auf denen geschrieben steht: „Wir wollen das, was ihr habt!“
Fast ist es, als würde man mit einem Mikroskop über dieser Strasse schweben und die Menschen in ihr beobachten.  Da ist zum Beispiel der Investmentbanker Robert Yount mit seiner Frau Arabella und den zwei gemeinsamen Söhnen.  Arabella hat so hohe Ansprüche, dass die Höhe des jährliche Bonus zum Fixpunkt seines Daseins wird. Beim Lesen bis zu seiner Bonusverhandlung scheint das Papier regelrecht zu knistern vor lauter Spannung, welcher Felsbrocken da auf Robert zurollt und ihn ordentlich plattmachen wird. Denn ein Bonus von unter einer Million bedeutet, seiner shoppingsüchtigen Arabella das Budget zusammenstreichen zu müssen. Und das wird sie nicht einfach kampflos hinnehmen. Aber die Yount’s sind nur eine Familie in der Pepys Road. Da ist auch noch Freddy Kamo, Fussballhoffnung aus Senegal, der mit seinem Vater in ein schickes Haus einzieht; ein Kulturschock bleibt nicht aus. Und die Witwe Petunia, deren Haus beim Eintreten ein anno dazumal-Gefühl verströmt. Nicht zu vergessen, die pakistanische Familie, die unten in ihrem Häuschen einen Tante Emma-Laden führt und die einmal jährlich von der Schwiegermutter aus Pakistan wie ein Panzer überrollt wird. Rohinka, die junge Ehefrau und Mutter, haben wir ganz besonders in unser Leserherz geschlossen.
„Kapital“ bietet hervorragende Charakterstudien. Keine Längen, keine Langeweile. Nur herausragendes Lesevergnügen.  Etliche der Charaktere haben wir liebgewonnen, einige blieben unsympathisch. Aber jeder einzelne löste Gefühle und grosses Kopfkino aus. Die Auflösung, woher denn diese Postkarten kommen und welche Absicht dahinter steht, fanden wir am Ende ziemlich langweilig. Aber es spricht doch sehr für den Schriftsteller, wenn der Aufhänger gar nicht mehr aufhängt sondern die Menschlein zwischen den Buchdeckeln das Zepter übernehmen.
 
Fazit: Gesellschaftskritik mit  großer Portion Menschenliebe. Charmant und flüssig zu lesen.  Absolute Leseempfehlung!
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Für weitere Infos zu dieser Perle geht es hier lang. 
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2 Kommentare zu “Ein kapitales Lese-Erlebnis

  1. literaturen sagt:

    Ich war auch total begeistert von diesem Buch! Besonders die Geschichte rund um Petunia hat mich sehr berührt.

  2. Ich kenne das Buch leider noch nicht, deine Rezension macht mich aber unheimlich neugierig. Ich werde aber wohl auf das Taschenbuch warten. Gespannt bin ich schon auf deine Besprechung zu „Joseph Anton“. 🙂

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