Ein wildes Herz von Robert Goolrick

Ein wildes Herz von Robert GoolrickVirginia, 1948. Eines Tages kreuzt er plötzlich auf in der beschaulichen Kleinstadt Brownsburg. Mit seinem alten ramponierten Pickup kommt Charlie Beale in der 538 Seelen-Gemeinde an und beschliesst, sich dort niederzulassen. Sein einziger Besitz scheinen nebst dem Auto die zwei Koffer zu sein; einer prallvoll mit Geld, der zweite enthält seine rasiermesserscharfen Schlachtermesser. Man muss wissen, Charlie Beale ist Metzger. Es dauert nicht lange, und er fängt an beim einzigen Metzger im Dorf zu arbeiten. Keiner schneidet die Steaks so perfekt wie er und die Hausfrauen schliessen ihn schnell ins Herz. Als er die auffallend schöne Sylvan kennen lernt, ist es um ihn geschehen. Wie ein Pinup-Girl sieht sie aus und passt so gar nicht in das verschlafene Nest. Sie ist mit dem reichsten – und hässlichsten – Mann in Brownsburg verheiratet. Auf welch ungewöhnliche Weise diese Ehe zustande kam, soll jeder selbst lesen. Es wäre eine wahre Schande, das an dieser Stelle zu verraten.
 
“Er wäre für sie gestorben, so wie er jetzt für sie lebte, für Sylvan und nur für Sylvan. Für sie würde er zu einem besseren Menschen werden, und er würde geduldig sein wie der bibliosche Hiob, er würde nichts sagen, keinen Druck ausüben, er würde alles wollen und nichts erwarten.”
Für den fünfjährigen Metzgerssohn, Sam, wird Charlie Beale  so etwas wie ein  zweiter Vater. Wie ein junger Hund begleitet er ihn bald auf Schritt und Tritt. Es ist herzerwärmend zu sehen, wie liebevoll Charlie mit dem Kleinen umgeht. Sylvan erwidert Charlie’s Werben und eine amour fou nimmt ihren Lauf. Die anfänglich gemächlich anlaufende Geschichte nimmt bald ordentlich Fahrt auf und endet in einer Tragödie, die keiner vorhersehen kann. Ich habe das Buch an einem Wochenende beinahe in einem Rutsch weggelesen. Ein Pageturner,  wie man ihn sich besser nicht wünschen kann.
 
“Es ist die Geschichte dieser Welt, und das Notizbuch eures kleinen Lebens, und wenn ihr zu Asche geworden seid und im tiefen Dunkel des Grabes liegt, wird es eure Geschichte erzählen.”
 
Fazit: Irrsinnig spannender Roman mit Figuren, die einen lange nicht mehr loslassen. 
Für weitere Infos zu diesem Titel geht es hier lang. dce2882e2eeb0642b159fc88e9fd030a_low

Grace McCleen – Wo Milch und Honig fliessen

wo-milch-und-honig-fliessenDie zehnjährige Judith ist ein einsames Kind.  Sie lebt alleine mit ihrem streng religiösen Vater. Judith’s Mutter starb bei ihrer Geburt. Auch wenn es nicht explizit erwähnt wird, ist bald ersichtlich, dass die Geschichte im Umfeld der Zeugen Jehovas spielt. Die Mission ihres Vaters ist klar: Die Menschheit vor dem drohenden Weltuntergang  zu bekehren. Dass Judith in der Schule eine Aussenseiterin ist, wundert nicht. Sie wird gemobbt und ist mit ihren Sorgen vollkommen allein. Um dem öden Alltag zu entfliehen, bastelt sich Judith in ihrem Zimmer aus Fundstücken sehr fantasievoll eine eigene kleine Welt und nennt sie das Land der Zierde.

“Vom Glauben verstehe ich etwas. Die Welt in meinem Zimmer ist daraus gemacht. Aus Glauben habe ich die Wolken genäht. Aus Glauben habe ich den Mond und die Sterne ausgeschnitten. Mit Glauben habe ich alles zusammengeklebt und zum Leben erweckt. Weil der Glaube wie Fantasie ist. Er sieht etwas, wo nichts ist, er macht einen Sprung, und plötzlich fliegt man.”

Als ein Mitschüler sie am Freitag so sehr bedroht, dass sie panische Angst davor hat, am Montag zur Schule zu gehen, passiert etwas Unglaubliches. Sie betet um Schnee; viel Schnee. So viel, dass am Montag die Schule ausfällt.  Um ihren sehnlichsten Wunsch zu visualisieren, lässt sie es auf ihre Fantasiewelt schneien.

Kurz darauf fällt Schnee und das in solchen Mengen, dass das normale Leben erst einmal still steht. Judith ist überzeugt davon, dass sie selbst es war, die es hat schneien lassen. Scheinbar hat sie die Büchse der Pandora geöffnet denn von da an lässt sie immer wieder Dinge geschehen. Allmachtsgefühle entwickeln sich. Das ist beängstigend und faszinierend zugleich. Wem soll sie davon erzählen, wo doch niemand da ist, der ihr zuhört? Wer würde ihr glauben?

Die Autorin lässt einen sehr rasch Zugang finden zu diesem besonderen Kind, das versucht, seine Schwierigkeiten alleine zu bewältigen. Ihr Glaube wirkt  unerschütterlich. Die Geschichte entwickelt einen Sog, der das Buch nur schwer weglegen lässt. Unhörbar scheint im Hintergrund eine Bombe zu ticken. Äusserst spannend.  Die erwartete Explosion tritt aber nicht ein.  Das ist es auch, was ich am Ende des Buchs bemängle. Die Autorin hat in diesem Punkt meiner Meinung nach die Kurve zu einem stimmigen Ende nicht gekriegt.  Das letzte Drittel der Geschichte hat mich regelrecht gelangweilt. Das allerdings wird mich nicht davon abhalten, die Autorin im Auge zu behalten. Denn ihre plastische Erzählweise macht Lust auf mehr.  Grace McCleen’s  zweiter Roman ist in Arbeit. Ich werde ihn bestimmt lesen.

Fazit: Anfangs sehr poetisch und spannend, gegen Ende aber leider ziemlich langweilig.

Für weitere Infos zu diesem Titel geht es hier lang. Bücherelfe

Claude Cueni – Der Henker von Paris

9783857874338Fast hätte ich es ungelesen in die Bücherei zurückgebracht. Denn die ersten fünfzig Seiten dieses historischen Romans über die Henker-Dynastie Sanson waren zäh. Nicht eben wegen des unschönen Themas an sich sondern wegen des Schreibstils. Die Sprache wirkte auf mich allzu hölzern. Also Buch einpacken und zurück in die Bücherei damit; das war zumindest der Plan. Hätte ich auf dem Weg dorthin nicht mangels Alternative noch ein wenig weitergelesen. Und wider Erwarten wurde die Sache wahnsinnig interessant. Das Buch wollte unbedingt fertig gelesen werden.

Claude Cueni’s Roman handelt von einem Mann, der aufgrund seiner Herkunft dazu verdammt ist, Henker zu werden. Der Beruf des Henkers wird von Vater zum Sohn weitergegeben; so war das schon immer und da interessiert nicht, dass Charles-Henri Sanson sich zum Arzt berufen fühlt. Es gibt kein Entrinnen. Weder für ihn noch für seinen Erstgeborenen.  Alleine während  dieser Revolution richtet Sanson unter anderem mit Hilfe der eiligst erfundenen Guillotine rund dreitausend Menschen hin. Das Volk ist in einem wahren Blutrausch und Sanson muss als sogenannter „Monsieur de Paris“ richten. Wer nun glaubt, dass es sich hier einfach um einen gruseligen Roman handelt, täuscht sich. Claude Cueni hat  gründlich recherchiert. Die Sanson-Henkersdynastie gab es tatsächlich. Und Charles-Henri Sanson war der letzte grosse Henker von Paris. Wer eine Vorstellung davon bekommen will, wie er gelebt hat, dem sei dass vorliegende Buch ausdrücklich empfohlen.

Fazit: Interessantes Buch rund um ein wirklich grausiges Thema.  

Bücherelfe

Für weitere Infos zu diesem Titel geht es hier lang. 

Wenn der Filmtrailer in die Buchhandlung lockt…

der-wolkenatlas„Wir müssen nur den Mund halten und ruhig zuhören – und siehe da, schon ordnet uns die Welt unsere Gedanken…“

Manche Filme locken mit wirklich fantastischen Trailern. Allerdings locken sie mich weniger ins Kino als in die Lieblingsbuchhandlung oder – wie hier geschehen – in die kleine aber feine Bücherei um die Ecke. Denn was auf der Leinwand spektakulär sein soll, ist zwischen den Buchdeckeln bekanntlich noch wesentlich spektakulärer; meistens jedenfalls.  Und so habe ich mich auf die Reise ins Unbekannte gemacht,  mich auf David Mitchell’s kunstvoll gewobenen Sprachteppich gesetzt und bin losgeflogen. Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis hin in die ferne Zukunft.  668 Seiten lang und stellenweise ganz schön turbulent war meine Reise mit dem Wolkenatlas. Statt einer eingehender Besprechung zu diesem Erlebnis, verweise ich an dieser Stelle an die grossartige Gemeinschaftsrezension auf Bri’s Literatouren.  Aber Vorsicht; die Begeisterung ist ansteckend. Am besten die Besprechung nicht Sonntags lesen, denn dann ist Ruhetag bei den Buchhandlungen und die Zeit bis zum Montag dürfte sich zähflüssig gestalten.

Ich für meinen Teil werde mir demnächst die Verfilmung zu Gemüte führen. Denn das muss dann doch noch sein. Der Trailer ist einfach zu gut…

Fazit: Mehr als ein Buch. Im Wolkenatlas steckt ein ganzes Universum!

Bücherelfe

Weitere Infos zu diesem Titel gibt es hier

Ein kapitales Lese-Erlebnis

9783608939859
Gute Bücher zu lesen, ist eine wahre Freude. Sie mit Gleichgesinnten zu lesen, ist doppelte Freude. Laufend das Lese-Erlebnis zu teilen, zu reflektieren, gemeinsam zu staunen, ist ein Geschenk. Die folgende Rezension von John Lanchester’s “Kapital” ist das Ergebnis einer Leserunde mit meiner  Lovelybooks-Freundin “thursdaynext”.
*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~
Mit Marx hat der Inhalt des Buches fast nichts am Hut. Abgesehen von moralisch sehr fragwürdigen Geldschaufelpraktiken und haarsträubenden Boni für Investmentbanker. Hier ist es eher „das Gespenst Finanzkrise“,  welches die Banker auf sehr hohem Niveau jammern und wehklagen lässt. Wir haben es ihnen gegönnt und uns fürstlich dabei amüsiert.
Aber erst eimal von vorn: Die Pepys Road und ihre Bewohner haben scheinbar Glück. Ihre Häuser und Grundstücke sind richtig was wert. So etwas zu besitzen hat eine ganz gewaltige Kehrseite, denn es weckt bei Aussenstehenden eine Menge Begehrlichkeiten. Ausserdem kann wer viel besitzt auch viel verlieren. Das vordergründige Glück ist also ziemlich brüchig. So unterschiedlich die Einwohner auch sein, eines haben sie gemeinsam: In ihren Briefkästen landen regelmässig Postkarten, auf denen geschrieben steht: „Wir wollen das, was ihr habt!“
Fast ist es, als würde man mit einem Mikroskop über dieser Strasse schweben und die Menschen in ihr beobachten.  Da ist zum Beispiel der Investmentbanker Robert Yount mit seiner Frau Arabella und den zwei gemeinsamen Söhnen.  Arabella hat so hohe Ansprüche, dass die Höhe des jährliche Bonus zum Fixpunkt seines Daseins wird. Beim Lesen bis zu seiner Bonusverhandlung scheint das Papier regelrecht zu knistern vor lauter Spannung, welcher Felsbrocken da auf Robert zurollt und ihn ordentlich plattmachen wird. Denn ein Bonus von unter einer Million bedeutet, seiner shoppingsüchtigen Arabella das Budget zusammenstreichen zu müssen. Und das wird sie nicht einfach kampflos hinnehmen. Aber die Yount’s sind nur eine Familie in der Pepys Road. Da ist auch noch Freddy Kamo, Fussballhoffnung aus Senegal, der mit seinem Vater in ein schickes Haus einzieht; ein Kulturschock bleibt nicht aus. Und die Witwe Petunia, deren Haus beim Eintreten ein anno dazumal-Gefühl verströmt. Nicht zu vergessen, die pakistanische Familie, die unten in ihrem Häuschen einen Tante Emma-Laden führt und die einmal jährlich von der Schwiegermutter aus Pakistan wie ein Panzer überrollt wird. Rohinka, die junge Ehefrau und Mutter, haben wir ganz besonders in unser Leserherz geschlossen.
„Kapital“ bietet hervorragende Charakterstudien. Keine Längen, keine Langeweile. Nur herausragendes Lesevergnügen.  Etliche der Charaktere haben wir liebgewonnen, einige blieben unsympathisch. Aber jeder einzelne löste Gefühle und grosses Kopfkino aus. Die Auflösung, woher denn diese Postkarten kommen und welche Absicht dahinter steht, fanden wir am Ende ziemlich langweilig. Aber es spricht doch sehr für den Schriftsteller, wenn der Aufhänger gar nicht mehr aufhängt sondern die Menschlein zwischen den Buchdeckeln das Zepter übernehmen.
 
Fazit: Gesellschaftskritik mit  großer Portion Menschenliebe. Charmant und flüssig zu lesen.  Absolute Leseempfehlung!
dce2882e2eeb0642b159fc88e9fd030a_low
 
Für weitere Infos zu dieser Perle geht es hier lang. 

Zurück vom Regenplaneten

1256777254765Mit diesem zweiteiligen Werk habe ich einen ersten Ausflug in die Welt des SciFi gewagt und damit gleich einen Volltreffer gelandet. Karsten Kruschel hat mich in fremde Welten entführt und mit seiner bildhaften Sprache mitten auf dem Regenplaneten abgesetzt. Mehr kann man sich von einem Buch nicht wünschen.

“Vilm – der Regenplanet”

Die Menschheit beschränkt sich nicht mehr nur auf den Planeten Erde. Inzwischen reisen sie mit Hilfe von Sternenschiffen und siedeln sich auf verschiedensten Planeten an. Einer dieser Schiffe ist die „Vilm van der Oosterbrijk“. An Bord herrscht eine Zweiklassengesellschaft. Die normalen Passagiere und die abgehobenen Zentralier. Nur letztere wissen, wie das Schiff zu bedienen ist. Bis zum Tag X, an dem die „Vilm van Oosterbrijk“ verrückt spielt und auf den nächstgelegenen Planeten stürzt. Es sind nur wenige Menschen, die den Absturz überleben. Sie landen in einer  seltsamen  dauerverregneten Welt. Die Hoffnung auf Rettung schwindet bald, also wird höchst kreativ versucht, aus den Trümmern des Schiffs Brauchbares für das Leben im Regen zu finden. Es bleibt nichts anderes, als sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren. Der Regenplanet mit seiner eigentümlichen Flora und Fauna ist nun mal ihr neues Zuhause. Unter den Gestrandeten befinden sich auch Kinder. Dass eines nach dem anderen von einer Art Diphterie befallen wird, sorgt für Angst und Schrecken. Die medizinische Versorgung auf dem Regenplaneten ist recht begrenzt. Aber die Kinder überleben nicht nur sondern sie verändern sich. Es entstehen symbiotische Beziehungen mit den sogenannten Eingesichtern. Eine Evolution im Schnelltempo in einem eigentümlichen Ökosystem, das beim Lesen fast körperlich spürbar ist. In „Vilm – der Regenplanet“ werden die Schweinwerfer kapitelweise auf einzelne Protagonisten gerichtet. Mit dieser Erzählweise schafft es Karsten Kruschel, dass die Leserschaft den Personen recht nah auf den Pelz rückt.

„Vilm – Die Eingeborenen“

Zwanzig Jahre nach der Bruchlandung auf dem Regenplaneten werden die Schiffbrüchigen entdeckt. Aber nicht alle wollen gerettet werden. Nur wenige nehmen das Angebot des Rettungsschiffs, Armorica, den Regenplaneten zu verlassen, an. Im Gegenteil; die Eingeborenen fordern höchst selbstbewusst, dass ihr Planet vom Planetenverband als eigenständig anerkannt und respektiert wird. Aber unbekannte Welten haben die Mächtigen schon immer fasziniert und Begehrlichkeiten geweckt. Und wer sagt denn, dass die Vilmer mit ihrem eigentümlichen Verhalten überhaupt als menschlich zu bezeichnen sind….

Fazit: Faszinierend. Absolute Leseempfehlung auch für Sci-Fi-Neulinge. Ich werde dann mal die Suchscheinwerfer nach weiteren Sci-Fi-Perlen auswerfen. Anregungen sind ausdrücklich erwünscht. 

Die beiden Werke gibt es sowohl gedruckt als auch als eBook. Ich persönlich habe die eBooks verschlungen.

Für weitere Infos zum Regenplaneten geht es hier lang. 

Bücherelfe

Leserausch garantiert!

041998224-im-rausch-der-freiheitMit 1150 Seiten ist Edward Rutherfurd‘s Reise durch 400 Jahre New Yorker Geschichte ein echter Wälzer. Von der Mitte des 17. bis ins 21. Jahrhundert begleiten wir vier Einwandererfamilien. Sie stammen aus Holland, Deutschland, Italien und England und suchen alle auf die eine oder andere Art ihr Glück. Rutherfurd lässt uns tief eintauchen in die jeweiligen Familiengeschichten; Wer Familienromane mag, kommt hier voll auf seine Kosten.

Zwischen diesen Buchdeckeln findet sich vieles, was man schon über die Ereignisse in diesen vier Jahrhunderten gehört oder gelesen hat.. Ob Sklaverei, Bürgerkrieg, Prohibition mit ihren Flüsterkneipen, Rassenunruhen, Korruption oder Little Italy. All das und vieles mehr kommt zur Sprache. Persönlichkeiten wie der grosse Caruso, George Washington, Abraham Lincoln, Theodore Roosevelt. Multimillionär John Jacob Astor und der legendäre Bankier J.P. Morgan werden auf solch lebendige Art porträtiert, dass man sie förmlich vor sich sieht. Das gilt übrigens auch für die vier fiktiven Einwandererfamilien mit ihren zahlreichen Nachkommen.

Schon die ersten Seiten haben die Filmspule zum Kopfkino der allerfeinsten Sorte anlaufen lassen. Auf wundersame Weise wurde ich ins 17. Jahrhundert reingezogen um 1150 Seiten später im 21. Jahrhundert wieder ausgespuckt zu werden. „Im Rausch der Freiheit“ ermöglicht mit seinem Mix aus Geschichtsbuch und Roman einen echten Lese-Rausch. Wer dieses Buch wie ich in mehreren grossen Happen  verschlingt, wird das fehlende Personenverzeichnis kaum vermissen.

Ich werde mich künftig auf jeden Fall an die Fersen von Edward Rutherfurd heften. Wer so schreibt, den behalte ich im Auge.

Fazit: Mitreissend und ausserordentlich interessant. Absolute Leseempfehlung!

Für weitere Infos zum diesem Titel geht es hier lang 

Bücherelfe

Bücherelfe

Kleiner Roman, ganz gross.

9783455403848Jocelyne ist 47 Jahre alt und ihre Ehe mit Jocelyn – diese beinah gleichen Namen haben mich beim Lesen übrigens genervt – ist im wahrsten Sinne des Wortes in die Jahre gekommen. Frust macht sich breit. War das wirklich alles? So hatte sich Jocelyne das Leben nicht vorgestellt.

„Jedes Mal überrascht es mich, wenn ich Jo nach Hause kommen höre. Ein Riss in der Seide meines Traums. Ich ziehe mich hastig wieder an. Schatten bedecken die Klarheit meines Körpers. Ich weiss um die seltene Schönheit unter meinen Kleidern. Aber Jo sieht sie nie.“

Die Geschichte handelt in einer kleinen Ortschaft in Nordfrankreich. Jocelyne mag die Arbeit in ihrem Kurzwarenladen und die Kontakte, die ihr Handarbeiten-Blog bringt. So ereignislos wie ein kleines Bächlein plätschert ihr Leben dahin; weder ist sie besonders unglücklich noch besonders glücklich. Eine seltsame Art der Taubheit macht sich breit. Bis der grosse Knall in Form eines 18 Millionen Lottogewinns in ihr Leben einbricht. Wobei es eigentlich ein sehr leiser Knall ist, denn Jocelyne beschliesst, weiterzuleben wie bisher und erzählt keiner Menschenseele davon. Zu gross ist ihre Angst, mehr zu verlieren als sie gewonnen hat. Aber seit wann lassen sich Tragödien durch Wegsehen verhindern?

Kein Wort zuviel steckt in diesen 126 Seiten. Wie lange Grégoire Delacourt wohl an diesen Sätzen gefeilt hat,  bis sie in solch scheinbarer Leichtigkeit übers Papier geschwebt sind. Sein Schreibstil macht es einen leicht, einfach mitzugehen mit Jocelyne und ihren versteckten 18 Millionen. Sie ist eine Protagonistin, die ich auf der letzten Seite nur ungern verabschiedet habe.

Fazit: Ein stiller und unaufgeregter Roman über das, was im Leben wichtig ist. Empfehlenswert für alle, die leise Töne mögen. 

Für weitere Infos über diesen Titel geht es hier lang. dce2882e2eeb0642b159fc88e9fd030a_low

ein historischer Pageturner

9783746623757Zuerst den Film, dann das Buch und dann nochmals den Film. Dieses an sich unsinnig klingende Prinzip habe ich bei Cormac McCarthy’s „die Strasse“ verfolgt. Ja, manche Filme lassen mich Bücher lesen, denen ich ansonsten keine Chance geben würde. Bei „Die Schwester der Königin“ habe ich das Prinzip leicht abgewandelt; Film, Film, Film, Film, nochmals Film – notabene schon ein wenig zeitlich verteilt – und dann das Buch. Nach dieser Lektüre kann ich mir die Rückkehr zum Film allerdings sparen. Denn meines Erachtens wurde da den potentiell klingelnden Kinokassen zuliebe gekürzt, geändert, geopfert.
Aber erst mal zum Inhalt. „Die Schwester der Königin“ ist ein historischer Roman, der seinen Rahmenhandlung direkt aus den Geschichtsbüchern gepflückt hat.  Wie viel historische Korrektheit in dem Roman steckt, kann und will ich nicht beurteilen. Es geht um Intrigen, Liebe und Verrat am englischen Königshof und beginnt im Jahr 1521. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Mary Boleyn, die auf Befehl ihrer Familie Mätresse von König Henry VIII wird. Mary ist zu dieser Zeit 14 Jahre alt und verheiratet. Den Entscheid ihrer Familie in Frage zu stellen, wagt Mary nicht. Einen eigenen Willen zu haben, scheint dieser Zeit für Frauen undenkbar. Der König braucht einen Thronfolger und einen solchen zu “beschaffen” würde der Familie Ansehen und Macht verschaffen. Wie Schachfiguren werden Mary und ihre Schwester Anne herumgeschoben. Die egoistische und machtgierige Anne Boleyn ist das pure Gegenteil von Mary. Sie verdrängt auf Befehl ihrer Familie nicht nur Mary sondern auch Königin Katharina von Aragon, die langjährige Ehefrau des Königs. Und Anne erreicht ihr Ziel tatsächlich: Sie wird Königin von England. Aber der König ist ein launischer und tyrannischer Herrscher und Ehemann. Und wenn er Verrat wittert, reagiert er unbarmherzig.  Königin Anne zahlt einen hohen Preis für ihren Aufstieg.
Fazit:  Ein ungeheuer fesselnder historischer Roman. Ein echter Page-Turner. Auch wer um historische Romane sonst einen Bogen macht, kriegt hier echtes Kopfkino geboten
Für weitere Infos zu diesem Titel geht es hier lang dce2882e2eeb0642b159fc88e9fd030a_low

365 Tage, 365 Bücher und ein lila Sessel

cover final-sankovitchNina Sankovitch war schon immer eine leidenschaftliche Leserin. Diese Liebe zu Büchern wurde ihr in die Wiege gelegt.  Als ihre Schwester erst 46jährig an Krebs stirbt, ist Nina Sankovitch’s  Trauer grenzenlos. Und so verschreibt sie sich eine unkonventionelle und aufwändige Selbsttherapie. Sie liest 365 Bücher in 365 Tagen und bespricht jedes einzelne auf ihrem sehr bald vielbeachteten Blog readallday.   Durch die Bücher findet sie zurück in ein erfülltes Leben. Wie sie diesen von Oktober 2008 bis Oktober 2009 dauernden Lesemarathon erlebt,  welche Erinnerungen ihr dabei durch den Kopf gehen und was das Gelesene in ihrem Innern bewirkt, berichtet sie in „Tolstoi und der lila Sessel“. Dass ihr Ehemann und ihre vier gemeinsamen Söhne ihre experimentelle Therapie unterstützen, hat schon fast etwas Märchenhaftes.

Ich wollte in Büchern versinken und als ganzer Mensch wieder auftauchen.

Vier Regeln erlegt sie sich auf: Die Bücher dürfen nicht mehr als 2,5 cm dick sein. Jedes Genre ist erlaubt und am Sonntag ist Krimi-Tag. Jedes Buch wird am Tag nach der Lektüre rezensiert.

Atemlos und innerhalb eines Wochenendes habe ich Nina Sankovitch’s literarische Reise zurück ans Licht mitverfolgt und dabei nicht nur Bücher entdeckt, die ich unbedingt noch lesen muss sondern mich auch an Bücher erinnert, die schon seit einiger Zeit unbeachtet in meinem Regal stehen.

Als Sahnehäubchen sind am Ende von „Tolstoi und der lila Sessel“ alle 365 Titel aufgelistet. Nach der Lektüre nicht sofort in die nächste Buchhandlung zu stürmen, verlangt einiges an Selbstdisziplin…

Ich sass allein mit meinem Buch unter dem Licht der Lampe, und mir war, als sässe ich in einem dunklen Theatersaal vor eine Bühne, auf die ein Scheinwerfer gerichtet ist. Das ganze Stück wurde für mich allein gegeben, ohne Pause, ohne Unterbrechung, jedes Wort in Festbeleuchtung.

Fazit: Eine ganz persönliche Liebeserklärung an die Literatur und eine Schatzkiste voller Buchtipps. “Tolstoi und der lila Sessel” ist ein wunderbares Geschenk für alle Büchernarren.  Wobei mein Exemplar garantiert für alle Zeiten ein festes Zuhause in meinem Bücherregal haben wird.

Für weitere Infos zu diesem Kleinod geht es hier lang.dce2882e2eeb0642b159fc88e9fd030a_low